Theorie-Terror?

IMG_9087

Wir bekennen uns dazu: Wir sind T(h)e(o)r(r)isten, doch weder arbeitsscheu noch praxisfern. Theorie gehört zum Theater. Sie bedingen und brauchen sich gegenseitig. Deshalb machen auch wir uns unsere Gedanken darüber. Ein Auszug daraus:

Theatertheoretische Elemente: Warum ästhetisch-performatives (afformatives) Drama?

Bedeutet postdramatisches Theater eine Aufhebung des „Erzählens“ einer linearen Geschichte, so genügt der Begriff „postdramatisches Theater“ nicht alleine um unser Projekt zu beschreiben. Denn wir erzählen sehr wohl eine Geschichte. Die Geschichte einer Gesellschaft in der sich die Menschen – obwohl biologisch, anthropologisch und psychologisch nahe – zunehmend physisch und sozial voneinander entfernt haben. Eine Gesellschaft in der – zumindest in der westlichen Zivilisation – dem Ausüben eines manischen Individualismus nachgejagt wird, das Kollektiv und die Gemeinschaft jedoch zunehmend mittels Ellbogenstrategien verdrängt werden. Dazu kommt, dass über subtile Strategien Rollenbilder geformt werden, von denen der/die Einzelne denkt sie erfüllen zu müssen und dabei den Eindruck behält, die Entscheidungen für diese Rollen wären autonome Entscheidungen – in Wahrheit folgen wir schon längst nicht mehr unserem Willen oder unserer Intuition, sondern sind in einer Art Endlosschleife gefangen, die es auf Dauer unmöglich macht Entscheidungen zu treffen und dem Leben einen Sinn oder zumindest einen Ton bzw. eine Farbe zu verleihen.

Ton und Farbe stehen in unserem Projekt dabei einerseits für die Ästhetik des Bühnenbildes und der Kostüme, andererseits für die Musik von Michael Renath. Der mögliche Sinn wird über den Text (Susanne Lindlar/Tanja Peball), sowie über Zitate von Johann Gottfried von Herder, Friedrich Nietzsche über Niklas Luhmann bis hin zu Jean-Francois Lyotard und Douglas Rushkoff geliefert und zur Anregung beigemischt.

Alle Element die wir einsetzen, sollen ein Gesamtbild ergeben und gemeinsam ein und dieselbe Situation kommentieren: die Tatsache, dass wir uns einen Käfig von Regelmechanismen geschaffen haben, den wir schon längst nicht mehr unter Kontrolle haben und dem wir nicht einmal mehr gedanklich über die Vernunft entfliehen können – denn auch die Alternativen sind bereits vereinnahmt und geprägt von vorgefertigten Rollen. Was kommt danach? Was geschieht, wenn nichts mehr zwischen den Menschen geschieht, dass sie bewegt?

Beantworten wird dieses ästhetisch-performative (afformative?) Drama diese Fragen wohl nicht, aber versuchen, sie in ihrer Brisanz und Notwendigkeit zu stellen und zu thematisieren. Denn es sind dringende und drängende Fragen, mit denen wir uns als Menschen nicht oft genug konfrontieren können.